Der zweite Tag fing für mich um 6 Uhr an. Ich war unglaublich nervös, konnte kaum essen. Ich versuchte wieder das schon bewährte Nutella, bekam aber kaum etwas herunter. Auch den Apfel ließ ich nach drei kleinen Bissen erstmal liegen.
110 m Hürden:
Es war kalt und regnerisch zu Beginn des zweiten Tages und der Wind hatte sich um 180° gedreht. Ich war im schnellsten Lauf. Die erste Hürde nahm ich viel zu hoch, die zweite auch, die dritte erst recht. Ich kam mir vor, als ob ich über imaginäre superhohe Hürden laufen würde. Erst in der zweiten Hälfte des Rennens kam ich richtig in Fahrt. Ich war für dieses Rennen unglaublich zufrieden mit meiner Zeit. 14,28 Sekunden war 0,08 s besser als meine alte Zehnkampfbestmarke.
Diskus: Das Highlight in Sachen guter Bedingungen! Es strömte wie bekloppt. Alle Athleten und ihre Trainer standen Regendschirme haltend im Matsch. Die Wettkampforganisation war nicht darauf vorbereitet, dass die Hälfte des Jahresniederschlags in Lubbock genau zu den Big 12 ankommt. Es gab nicht mal Zelte an den Wurfanlagen, die sich außerhalb des Stadions befanden. Nach einem kleinen Dreher im Aufwärmen entschied ich mich, in normalen Turnschuhen zu werfen und packte die glatten Werferschuhe zurück in die nasse Tasche. Erster Versuch knappe 34 Meter!?! Coach Roveltos Kommentar vor dem zweiten Versuch lautete nur "Slow down! If you think you're slow, slow down again!" Das klappte. Mit einer halben Tonne Magnesium auf der Hand und einem halbwegs trockenen Wurfgerät warf ich stolze 41,04 m! Eine Verbesserung meiner PB um fast drei Meter!
Stabhochsprung: Wie heißt es immer? Eine Disziplin geht immer daneben, aber dafür hat man 9 andere, um es gut zu machen. Diesmal war es der Stabhochsprung. Ich sprang locker im Einspringen über 4,55 m und kam im Wettkampf nicht über 4,35 m hinaus! Ich hatte die Höhe locker drin, bin aber immer auf die Latte gefallen, also kam nicht so richtig "in die Anlage hinein."
Dennoch ließ ich mich davon nicht beeindrucken und blieb weiterhin fokusiert in Richtung gute Punktzahl! Spätestens nach Nick Adcocks "salto nullo" war auch klar, dass ich den Sieg schon in der Tasche hatte.
Speerwurf: Ich fühlte mich stark, mir tat nichts weh und es zwickte auch nirgends. Eine Marotte von mir wurde, dass ich nie mit den eigenen Geräten werfe, sondern immer mit dem gleichen Modell, aber von einer anderen Mannschaft. Der erste Wurf landete bei knappen 52,50 m. Coach Tom Pappas schickte mich einen guten Meter zurück, damit ich beim Impulsschritt vor der Linie noch mehr Druck machen konnte, um mal richtig draufzukloppn. Trotz des starken Seitenwinds warf ich Bestleistung Nummer 7 - 56,11 m - und setzte damit meine "in-jedem-Speerwettkampf-eine-neue-PB"-Serie fort.
1500 m: Okay, Showdown! 7222 Punkte gesammelt, fehlen noch 778 bzw. 4:25,03 Minuten, um die große 8 zu knacken! Meine Bestleistung war mit 4:24,66 min nur etwas besser als die Zielzeit. Meine eigene Vorgabe lautete zwei Runden in 72 Sekunden, den Tausender knapp unter 3 Minuten und dann 500 m lang draufhämmern.
Ich lief sofort vorne weg, um nicht in irgendeine langsame Gruppierung zu kommen so wie bei den Indoor NCAAs. Die erste Runde war zu schnell und ich bekam leicht Bammel, dass ich nach 66 Sekunden und 400 Metern viel zu schnell anging. Eine gemütliche zweite Runde, Kraft sparen und auf den richtigen Moment warten, um die Reserven abzufackeln. 800 bei 2:23, genau richtig. Bei 1000 m brüllte unser Lauftrainer wie am Spieß "two fifty-nine, three minutes, speed up, too slow, speed up!!" Ich versuchte zu beschleunigen, aber es fiel mir sehr schwer.
Bei 300 m vor dem Ziel musste ich den Hahn aufdrehen. Eingangs der letzten Kurve überholte mich Kenny Greaves von der University of Texas. Ich versuchte dranzubleiben. Alles oder nichts, 8000 oder nicht. Auf der Zielgeraden richtete ich meinen Blick nur noch auf die Uhr neben der Ziellinie. 20 Meter, 10 Meter, 4:22, 4:23, Kenny siegte, ich dahinter. Erschöpft ging ich sofort zu Boden und wusste noch nicht, ob ich es geschafft hatte. 4:24,44 Minuten!! 8004 Punkte, ein Traum! Noch auf der Bahn sitzend riss ich beide Arme in die Luft und jubelte lauthals. Ich konnte es kaum glauben, es war zu perfekt!